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Biografie

Ein Text von
Thilo Hornschild

Es ist 06:00 Uhr morgens am Berliner Ostbahnhof, den Koffer seiner altgedienten Martin Gitarre zwischen die Beine geklemmt verschlingt Philipp Lumpp hastig eine Stulle. Nur Minuten später rollt der ICE aus der Hauptstadt heraus und bringt ihn zurück nach Heilbronn. Dorthin wo die Stulle wieder Käsebrot heißt. Zur Arbeit. Dem Dayjob. Philipp schaut aus dem Fenster, an Schlaf ist nicht zu denken, denn langsam beginnt sich die vergangene Nacht vor seinem inneren Auge auszubreiten und die Bilder, Töne, Begegnungen und Eindrücke rasen nur so durch seinen Kopf…

Erst vor vier Jahren hatte er angefangen dieses Musik-Ding richtig anzupacken. Zu schütteln. Es ernst zu meinen. Schließlich hatte er alles dafür hingeworfen und alles Ersparte in die erste Produktion investiert. Allein schon ein solches Unterfangen als Investition zu sehen, dazu braucht es entweder einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst, oder eine Naivität der entrücktesten Art. Das eher konservative Elternhaus aus dem er kommt, der Konzern mit der stabilen Festanstellung… all dies wurde erstmal aufs Abstellgleisgleis geschoben. Aber beides war dann doch wegweisend und prägend dafür, wie Philipp Lumpp fortan Schritt für Schritt seinen Weg als Solokünstler gestalten sollte. Nämlich mit unternehmerischem Spirit und einer Strategie, die er peu a peu abarbeitete.

Denn angetrieben war und ist er von einer tiefen Überzeugung, einer die kaum Kompromisse zuließ. Für den 33-jährigen Songwriter und Poeten war nun der Zeitpunkt gekommen sich endlich erlauben zu müssen, wofür er glaubt, nein weiß, zu leben und schlicht seinem Herzen zu folgen. Daran gab es nichts mehr zu rütteln. Dies überlässt er dieser lästigen Gleiskurve bei Potsdam, Berlin liegt schon länger hinter ihm. “Sind Sie ok?”, fragt die ältere Dame, weil Philipp mit vertränten Augen die Resultate der letzten Nacht hört. Immer und immer wieder…

Die vergangene Nacht verbrachte er im Studio mit dem Produzenten Stephan Piez, a.k.a. Der Polar (Florian Künstler, Glasperlenspiel, Annett Louisan), das gebuchte Hostel-Bett im 8-Bett Zimmer blieb vollkommen unberührt. Die beiden hatten sich in einem Kreativ-Strudel treiben lassen und produziert, geschrieben, gefeilt, verworfen und neu erdacht und die Zeit verflüchtigte sich. Das Resultat ist die Single “Es ist okay”, in der sich Philipp Lumpp mit seinem jüngeren Ich unterhält und ihm beruhigend zuredet. Nimm Dir das Mädchen, das nicht dir nicht mehr schreibt, nicht so zu Herzen und sieh die Zukunft nicht als Deinen Angstgegner. Sowieso, Angst. Du hast es doch im kompletten DIY-Modus bis hierhin geschafft. Und dass trotz vieler Sorgen und wenig Geld.

Nachdem Philipp Lumpp ausgerechnet im Jahr 2020 sein Solo-Debüt “Aus gegebenem Anlass” veröffentlichte, hatte der junge, ursprünglich generationsbedingt Rap- und HipHop-geprägte Liedermacher und Gitarrist, plötzlich all eyes on him. Philipp erkannte die Zeichen, die sich ihm boten und nutzte jede noch so kleine Möglichkeit, sich kontinuierlich eine Fanbase aufzubauen. Sein Wesen, seine Geschichten und sein authentisches Auftreten brachten ihn zu einem Interview im SWR und plötzlich war er auch noch für den Rio Reiser Songpreis 2021 nominiert.

Immer weiter schrieb Philipp Lumpp an seinen Songs, sein Scrapbook füllte sich mit Notizen und Anekdoten aus seinem Leben, das zunehmend schneller und aufregender wurde. Cool bleiben. Im Auge des Sturms ist es windstill. Er fand einen Freund und Mentor im Songwriter und Business-Intimus Tobi Schwall (Songwriter/Produzent & Musikbusiness Consultant ua. Helene Fischer, Sony Music, Mgmt LUNA uvm.), der ihn prompt in sein Hall of Fame-Academy Coaching Programm aufnahm. Allerdings hatte Philipp als der Charlie Hustle, der er nun einmal ist, inzwischen in seinem Heilbronner Umland schon viele Fans und Supporter gewinnen können. Aber sein Sound war noch nicht exakt der, den er in seinem Kopf hörte. Bis jetzt.

“Ja, es würde zu lange dauern, Ihnen das zu erklären, aber tausend Dank, es geht mir gut”, entgegnet Philipp der freundlichen Dame im Zug. Nun ist aber Umsteigen angesagt. Man reist Holzklasse… und wieder läuft “Es ist okay” auf Repeat in seinen Kopfhörern. Endlich. Endlich klingt es so, wie Philipp es sich immer ausgemalt hatte. Natürlich, mit seiner Bühnenerfahrung aus unzähligen Song-Slam Auftritten, Open-Mic-Nights, Wohnzimmerkonzerten und Solo-Gigs kann er immer aus dem Stand seine Songs allein auf die Bühne bringen, aber eine professionelle Produktion aus einem sehr renommierten Studio der Hauptstadt ist eine gänzlich andere Sphäre.

Die Kollaboration mit Stephan Piez stellte sich als natürliche Symbiose heraus. Beide teilten sie sofort die gleiche Vision: alles kann potenziell Kunst sein. Und zusammengeführt hatte sie kein Geringerer als eben Tobi Schwall, der auch die erste Session besuchte und sich bis spät in die Nacht kreativ und beratend einbrachte. Tobi hat mit Philipp minutiös die Essenz seiner Künstleridentität herausgearbeitet. Erst dann konnte es zu dieser Kollaboration kommen. Und jetzt erntet Philipp die Früchte dieser endlosen Gespräche und kann es immer noch kaum glauben, dass er es ist, den er in seinen Kopfhörern hört.

Nun steht er am Ende einer langen Reise, die RE-08 knetet sich ihren Weg langsam in Richtung Heilbronn. Die Arbeit ruft, der Tag steht erst am Anfang. Exakt genauso verhält es sich mit seinem Weg als Künstler. Die letzten vier Jahre, die Steine im Weg, die vielen Auftritte und noch mehr Selbstzweifel… “Es ist okay”. Dieser Weg ist am Ziel angekommen, einem Ziel, das erst der Anfang ist. Denn die nächsten Releases sind bereits geplant und der Stein ins Rollen gebracht. Angekommen, der Tag kann losgehen. Aber es ist okay, denn der nächste Zug nach Berlin ist bereits gebucht. Und für das, was dort auf Philipp Lumpp wartet, wird ein okay bald nicht mehr ausreichen.