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Spätsommer Singlefact

Ein Text von
Musikjournalist
Thilo Hornschild

Dies ist ein Jahr der koexistierenden, aber völlig gegensätzlichen Polaritäten. Ob in der Politik, in der Gesellschaft, im Umgang mit der Natur: in nahezu allen offenen Diskursen lässt sich eine wirkliche, einende Mitte vermissen. Das ist bei Philipp Lumpp durchaus ähnlich, wenngleich ungleich sympathischer und vielleicht bei näherer Betrachtung auch nicht ganz zutreffend. Der Heilbronner Songwriter entschied sich bewusst dazu, seinen sicheren und gut bezahlten Job in einem bekannten süddeutschen Großkonzern in den Wind zu schießen und sich fortan ganz seiner Musik und seinen Texten zu widmen. Zumindest macht er – ohne jegliche Mitte – in dieser Sache gleichzeitig und zu gleichen Teilen alles richtig und alles falsch. Und das ist ungeheuer spannend.

In der Vorweihnachtszeit mit seiner Debütsingle „Spätsommer“ den Markt zu betreten, reiht sich in dieses Gedankenspiel nahtlos ein. Allerdings ist Philipp Lumpp ein Künstler mit einem Plan und alles andere als ein Tagträumer. Er gründete mit Kirschbaum-Musik sein eigenes Label und seinen eigenen Brand, seine Musik gehört zu 100% ihm. Nun legt er auf dem Weg zum ersten Album geduldig Stein auf Stein, um es dann zu gegebenen Zeitpunkt auf einem starken Fundament stehen zu lassen. Und da kommt man dann doch ins Grübeln… Geduld, höchste künstlerische Integrität und eine Business-orientierte Denke: all diese Attribute lassen darauf schließen, dass dieser junge Musiker in sich selbst ruht; und da haben wir sie plötzlich ja doch, die Mitte. Es mag esoterisch intoniert klingen, aber tatsächlich flogen ihm einige seiner stärksten Songs einfach so zu. So auch „Spätsommer“, das ihm unter der Dusche erschien. Erst summte er gedankenverloren die Melodie vor sich hin, dann kam dieses schwer zu formulierende Gefühl, dass dies ein Song und eben kein diffuses Geträller ist, und dann ging alles ganz schnell. Schnell waren auf seiner Martin 000-15M die passenden Akkorde gefunden, und die stützen seine Melodie beinahe wie eine zweite Stimme, um die sein Gesang herumtanzt.

Der „Spätsommer“ ist eine besondere Jahreszeit, die Mitte zwischen Sommer und Herbst. Das Grün der Blätter ist auf den letzten Metern und jedes Lebewesen weiß, nach dieser letzten warmen Woche wird es ziemlich lange kalt und dunkel. Doch das soll nicht depressiv stimmen, denn noch ist es nicht soweit, aber bald. Vielmehr hat Philipp Lumpp poetisch dieses Empfinden einfangen können und melancholisch umgesetzt, das hat mit Traurigkeit allerdings wenig bis nichts zu tun. Der leidenschaftliche Texter, der sich in der Stuttgarter Open Mic- und Song Slam – Szene bereits einen Namen gemacht hat, erdachte sich und sein Produkt nämlich nicht nur als reines Musikprojekt. Seine Shows lockert er immer wieder mit Poemen und begleitenden Essays zu seinen Liedern auf und findet damit großen Anklang. Nicht selten kommen wildfremde Menschen nach einem Konzert zu ihm und beichten ihm mit Tränen in den Augen, wie sehr sie von seiner Musik und insbesondere seinen Texten berührt wurden.

Das ist für Philipp Lumpp nicht selbstverständlich und den Umgang mit Komplimenten dieser Gewichtsklasse lernt er noch. Auch seine Fertigkeiten als Musiker baute er sich mit System und Verstand auf. An der Gitarre und am Klavier brachte er sich alles selbst bei, ein Kreuzbandriss schenkte ihm die Zeit dazu. Und sollte er irgendwann einmal einen spanischen Song schreiben wollen, die Sprache lernte er, als er in Mexiko lebte. Bei seinem Gesang war er allerdings akribisch und begab sich vertrauensvoll in professionelle Obhut und durchlief eine Ausbildung in klassischem Gesang. Seine Lehrerin Regine Böhm ist eine zentrale Figur in seinem jungen Künstlerleben, sie war es auch, die ihn in das kalte Wasser eines Pub-Konzerts schubste und ihm einen sehr guten Rat gab: „Schreib nie wieder ein englischsprachiges Lied!“, denn sie hatte in ihrem jungen Schüler etwas gesehen: einen Songwriter.

Als sein Nachbar ihn einige Zeit später auf der Straße ansprach und fragte, ob er es sei, der abends immer singe, bot Philipp sofort an, leiser oder woanders zu üben. Der Nachbar winkte lachend ab, er setze sich immer an sein Fenster um zuzuhören. Mit solchen Situationen in den Segeln konnte die M.S. Philipp Lumpp aus dem Hafen auslaufen und die Reise ins Ungewisse antreten. Sein künstlerisches Selbstbewusstsein steht mit solchen hoch emotionalen Resonanzen – wie eben alles bei ihm – auf einem stabilen Fundament. Vielleicht war es das konservative Elternhaus damals und die Kaff-Jugend im Schwabenland, so ganz wird man solche Prägungen ja nie los. Aber nun zahlen sie sich mehrfach aus für die Materialisierung seiner Vision, ein freischaffender Poet und Musiker zu sein.

In seinen eigenen Worten befindet er sich „zwei Metaebenen über Geld“. Das volle Leben beim Schopf zu packen ist ihm um Welten wichtiger, genau wie es der „Spätsommer“ einem rät, wenn man denn hören kann, was er einem sagen möchte. Denn es kann bald, oder in drastischen Fällen jederzeit, vorbei sein. Mit dem Sommer, mit allem… Hier allerdings wird gelebt. Zwischen diesen beiden Polen steht in der Mitte Philipp Lumpp und ist vorbereitet auf alles, was kommen mag. Seine Single erscheint am 11.12.2020 auf allen digitalen Portalen.

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